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E. u. C. Freinet

  • Forum Freinet

    Die Freinet's

  • Texte von E. & C. Freinet

  • Examensarbeit von Martin Göb / 2001
    Alle Rechte für die Arbeit liegen beim Autor
    Inhaltsverzeichnis



    5.1 Célestin Freinet

    Célestin Freinet wurde 1896 als fünftes von insgesamt acht Kindern kleinbäuerlicher Eltern geboren und wuchs in einem Dorf in der Provence auf. Aus seiner Kindheit sollte er sich zeitlebens den Sinn für ein unbeschwertes Aufwachsen inmitten der Natur und der ländlichen Gemeinschaft bewahren. Freiheit, Ruhe, der Blick für das Wesentliche, der gesunde Menschenverstand und die Wertschätzung jeder "echten" Arbeit waren für Freinet stets grundlegende Bezugspunkte.

    Zugleich litt er aber auch sehr unter der äußerst autoritären Schule und er erkannte bereits früh die bedrückende Armut, die gesellschaftliche Benachteiligung und kapitalistische Ausbeutung der Landbevölkerung und der Arbeiter. Als er 1913 seine Ausbildung am Lehrerseminar begann, hatte er sich schon zum Ziel gesetzt, den Dorfkindern die Chance auf eine bessere Zukunft zu eröffnen. 1916 erlitt er bei Verdun einen Lungendurchschuss, der ihm zeitlebens Probleme beim Sprechen bereitete. Trotz dieser schweren Kriegsverletzung hielt er an seinem Berufsziel fest und bildete sich bereits im Sanatorium weiter. Seine gesellschaftskritische Haltung verschärfte sich bei der Lektüre der Schriften von Marx, Engels und Lenin. Er erkannte auch, dass das bestehende hierarchische Schulsystem und der auf Gehorsam, Konformität und Reproduktion bauende Unterricht einen wesentlichen Beitrag zur Aufrechterhaltung der gesellschaftlichen Ungerechtigkeit leistete, indem es die Würde des Kindes missachtete, seine Entfaltung und die Entwicklung kritischen Denkens behinderte. So hatte Freinet zu Beginn der 1920er Jahre als Junglehrer auch engen Kontakt mit den Revolutionären Syndikalisten. Zusammen mit diesen schon seit 1905 gewerkschaftlich organisierten Volksschullehrern verstand sich Freinet als proletarischer Intellektueller und trat vehement für Pazifismus, Internationalismus und die Gleichberechtigung der Frau ein. Das gemeinsame Ziel war eine freie, gerechte und menschliche Gesellschaft ohne kapitalistische Ausbeutung. Dieses gemäßigt anarchistische Ideal, das ohne strikte Basisdemokratie nicht denkbar war, sollte Freinet niemals aufgeben. Raoul Faure, ein Mitstreiter der ersten Stunde, brachte dies später so auf den Punkt: "Sein Kommunismus war ein Kommunismus, der die Freiheit suchte." In der Aufbruchstimmung dieser frühen Jahre glaubte Freinet noch wie viele seiner Freunde an eine baldige Revolution. Seine zahlreichen Artikel, die damals v.a. in der Verbandszeitschrift "Ecole Emancipée" erschienen, sprechen eine deutliche Sprache. Freinet und seine Kollegen wollten durch eine "befreiende Volksbildung" subversiv im Herzen des Staates zu dessen Veränderung beitragen. Trotz dieser unbestreitbar linksradikalen Ausrichtung wehrte sich gerade Freinet gegen jede Form ideologischer Dogmen. Schon 1921 schrieb er hierzu: "Haben wir das Recht, den Kindern ein kapitalistisches oder kommunistisches Dogma aufzuerlegen und ihnen eine Geisteshaltung zu vermitteln, die sie davon abhalten wird, das wahre Gesetz der Gesellschaft zu ergründen?" Freinet war davon überzeugt, dass in diesem freiheitlichen Geist aufgewachsene, mündige Menschen ohne Indoktrination zu ähnlichen Schlüssen und gesellschaftspolitischen Vorstellungen gelangen würden wie er selbst und seine Kollegen. Sie bezogen bewährte Elemente der frühen Reformpädagogik (Robin, Ferrer u.a.) in ihre Bildungskonzepte ein und traten in einen regen internationalen Austausch mit zeitgenössischen Reformpädagogen (Dewey, Parkhurst, Montessori u.a.). Freinet selbst wurde maßgeblich von Decroly und Ferrière angeregt, pflegte darüber hinaus aber auch intensive Kontakte nach Deutschland (Kerschensteiner, Lietz, Wyneken, Petersen u.v.a.). 1925 nahm er an einer Fortbildungsreise in die junge Sowjetunion teil und berichtete euphorisch von den dortigen proletarischen Arbeitsschulen. Im selben Jahr lernte er auch die leninistische Pädagogin Elise kennen, seine spätere Frau und Weggefährtin. Gegen Ende 1926 trat Freinet der Kommunistischen Partei Frankreichs (PCF) bei. Von Anfang an kam es zu teils heftigen Auseinandersetzungen zwischen Freinet und einzelnen Parteimitgliedern über pädagogische Richtungsfragen. Auch hatte sich sein Verhältnis zu den Revolutionären Syndikalisten sukzessive abgekühlt. Nach einigen Vorarbeiten gründete Freinet daher 1928 mit engen Weggefährten auf nationaler Ebene die eigenständige Lehrergewerkschaft Coopérative de lëEnseignement Laïc (CEL). Wenig später wendete er sich auch tief enttäuscht vom sowjetischen Schulsystem ab, das unter Stalin einer entschieden konservativ-autoritären Restauration unterzogen wurde.

    Freinet blieb seinen Überzeugungen und seinem Ideal eines basisdemokratischen humanen Sozialismus treu. Dies zeigt sich in der Selbstverwaltung seiner Klassen ebenso wie in den kooperativen Strukturen der CEL und in der Umbenennung der Gewerkschaftszeitschrift ("LëImprimerie à lëécole") in "Lëéducateur prolétarien" (1932). Seine konsequent reformerische Pädagogik, deren Geist und Techniken sukzessive Eingang in den Unterrichtsalltag seiner Klassen in Bar-sur-Loup und St-Paul-de-Vence fanden, brachte Freinet zunehmend in Konflikt mit der staatlichen Schulaufsicht. Somit konnte er nicht auf Rückendeckung öffentlicher Stellen zählen, als die Angriffe rechtsradikaler und faschistischer Gruppierungen gegen ihn zunahmen und in den Jahren 1932-1934 zu einem landesweit verfolgten "Schulkampf" ausgeweitet wurden. Obwohl eine breite Front von Sympathisanten aus dem linken Spektrum, darunter zahlreiche namhafte Künstler und Intellektuelle, für Freinet Partei ergriff, wurde er schließlich vom Schuldienst suspendiert. Etlichen Mitgliedern der CEL erging es kaum besser.

    Trotz gewichtiger Vorbehalte gegenüber der elitär geprägten Landerziehungsheimpädagogik entschlossen sich Freinet und seine Frau, eine "proletarische" Privatschule in Vence zu eröffnen, um ihre pädagogischen Vorstellungen, nun noch konsequenter als zuvor, verwirklichen zu können. Daneben ließ Freinets politisches Engagement für die Linke in der Öffentlichkeit nicht nach. Auch der Schulalltag erfuhr eine deutliche Politisierung, als 1936/37 zahlreiche spanische Flüchtlingskinder in Vence aufgenommen wurden.

    Das Vichy-Regime bereitete dem Schulleben dann ein jähes Ende. Freinet wurde 1* Jahre lang in Lagern interniert und schließlich unter Hausarrest gestellt. Einige Kollegen aus der CEL wurden deportiert und kamen um. All dies konnte Freinet nicht davon abschrecken, sich maßgeblich am Aufbau einer Résistance-Einheit zu beteiligen ? im Gegenteil.

    Nach dem Krieg begann der mühevolle Wiederaufbau der Schule in Vence und der CEL. Die Distanz zur PCF hatte sich über die Jahre nicht verringert, sondern vielmehr zur unüberbrückbaren Kluft ausgeweitet. Die bildungspolitische Linie der französischen Kommunisten war endgültig auf den sowjetischen Kurs festgelegt, und als die stalinistische Terrorherrschaft und die sowjetischen Kriegsverbrechen in Polen 1948 offenkundig wurden, traten Freinet, seine Frau und etliche Anhänger unter Protest aus der Partei aus. All diese desillusionierenden Ereignisse hinterließen auch in ihren nun erscheinenden umfangreichen pädagogischen Werken ihre Spuren. Von der markigen Sprache der 1920er Jahre blieben allenfalls Reste, und von Revolution war nur noch selten die Rede. Auch die 1945 wieder aufgelegte Zeitschrift der CEL nannte man nur noch "LëEducateur". Oft wurde deshalb eine deutliche Entpolitisierung der Freinet-Pädagogik in der Nachkriegszeit konstatiert. Zutreffend ist sicher eine abnehmende Militanz in der Selbstdarstellung der Bewegung, deren parteipolitisches Spektrum sich durch die neue Anhängerschaft auch deutlich zur Mitte hin erweiterte. Der substanzielle gesellschaftspolitische Kern der Freinet-Pädagogik blieb davon jedoch unberührt. Auch die "Dits de Mathieu" (C. Freinet 1946-1954), die in bewusst antimoderner und philosophisch abgeklärter Form gehalten sind, stellen hiervon keine Ausnahme dar. Gerade hier wird das Bildungs- und Gesellschaftsideal Freinets noch einmal eindrucksvoll dokumentiert. Die PCF nahm jedoch insbesondere diese Textserie zum Anlass für eine groß angelegte Verleumdungskampagne, die 1950-1954 ihren Höhepunkt erreichte. Obwohl der Feldzug der PCF der CEL sowie dem 1947/48 neu gegründeten Institut Coopératif de lëEcole Moderne (ICEM) nicht unerheblichen Schaden zufügte, gewann die Freinet-Bewegung schnell an Zulauf. Die internationalen Verbindungen wurden 1957 durch die Gründung der Fédération Internationale des Mouvements dëEcole Moderne (FIMEM) institutionalisiert. Waren anfangs zehn Landesverbände angeschlossen, so sind es heute über 40. 1964 wurde die Schule in Vence als Versuchsschule staatlich anerkannt ? ein besonderer Triumph Freinets in seinen letzten Lebensjahren. Freinet starb 1966 im Alter von 70 Jahren.

    Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich Freinet zeitlebens nicht nur pädagogisch, sondern auch, zahlreichen Widrigkeiten und Gefahren zum Trotz, dezidiert (sozial-) politisch engagierte. Die nun folgende nähere Betrachtung der Freinet-Pädagogik wird deutlich machen, dass sie in allen ihren Poren von diesem Engagement und der Sehnsucht nach einer freien, gerechten und humanen Gesellschaft, dem ausbeutungsfreien demokratischen Miteinander mündiger Menschen, durchdrungen ist. Wie bereits gezeigt werden konnte, befindet sich dazu auch Freinets oft zitierte Aussage "Wenn die Politik sich der Schule bemächtigt, zieht die Pädagogik aus ihr aus" in keinerlei Widerspruch. Abschließend sei nun Ulf Preuss-Lausitz zitiert, der Freinet kürzlich durchaus gelungen als "basisdemokratischen ökologischen Sozialisten" charakterisierte.
     
     

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