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Bericht über eine Ausstellung an der Universität Greifswald,
In: Mitteilungsblatt des Förderkreises Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung e. V. (Hrsg.) S. 23 - 26, Berlin, 12.2001



Nur nackt ist der Mensch ganz bei sich


Eine Ausstellung entdeckt den
Chemnitzer Reformpädagogen Fritz Müller wieder


Welcher Lehrer würde seine Schüler heute noch mit der Frage traktieren „Wann hast du das letzte Mal ein Buch gelesen?“ Und falls doch, würde er einen Schüler beauftragen, dies zu dokumentieren und darüber zu streiten, ob es gut sei, allzu große Pausen beim Lesen einzulegen? Es ist ja nicht erwiesen, dass Kinder heute weniger lesen als damals. Aber Erwachsene, die solche Fragen für sinnlos halten, gibt es viele. Der Chemnitzer Lehrer Fritz Müller hat seinen Schülern dies und noch ganz andere Sachen in den zwanziger Jahren zugemutet.

Die Früchte seiner pädagogischen Bemühungen, die sorgfältig und phantasievoll geführten Schülerkladden, ihre Reiseberichte und Wandzeitungen, die selbst gebauten geometrischen Körper und vieles andere, was aus dem Nachlass erhalten geblieben ist, legen Zeugnis darüber ab, wie befriedigend Lernen und Welterforschen sein kann, wird es von einem begeisterten Pädagogen begleitet. Es war eine von Pflichtstundenabrechnungen und Bürokratie ziemlich unbehelligte Lehrertätigkeit. Fritz Müller war ein Pädagoge des Aufbruchs, der viel wagte und schließlich scheiterte, weil er sich dem politischen Anpassungsdruck widersetzte.

Der Reformpädagoge Fritz Müller ist heute selbst Fachleuten kaum bekannt. Er unterrichtete in den zwanziger Jahren an einer ungewöhnlichen Versuchsschule in Chemnitz, einem "Schulparadies", wie es ein begeisterter Wiener Nationalrat 1925 nach einem Besuch dort in der "Volksstimme" beschrieb. Müllers radikale Reformprojekte und seine Unparteilichkeit ("Ich gehöre in die Partei des Kindes") haben ihm zuerst Berufsverbot unter den Nazis eingebracht, nach Kriegsende untersagte ihm dann die DDR-Schulbürokratie den Neuanfang. Auch an seiner Schule wahrte er die Parteiferne, war auch gegen die Jugendweihe, weil sie Kinder seiner Ansicht nach politisch beeinflusste. Da Müller nur wenig publiziert hat, sind seine Ideen heute so vergessen wie er selbst. Die Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung hat ihm jetzt eine Ausstellung gewidmet, eine Wiederentdeckung, die Eltern und Pädagogen nur zu empfehlen ist. Geborgen wurde dieser kleine Schatz von dem Chemnitzer Erziehungswissenschaftler Andreas Pehnke, der Müllers Nachlass und den seiner Schüler sichtete und zu der Ausstellung zusammenstellte. Die Jahresberichte, die von Schülern wie Tagebücher geführten "Klassenbücher", die Schautafeln der alten Schulausstellungen, biografische Notizen und Fotografien erschließen sich dem bildungsgeschichtlich wenig bewanderten Besucher nicht leicht. Wer sich aus diesen Bausteinen den reformpädagogischen Aufbruch in der Weimarer Republik zusammensetzen will, den Gedanken der "Erziehung zur Gemeinschaft durch Gemeinschaft", braucht dazu auch den schmalen Ausstellungskatalog.

Trotzdem fasziniert sofort, was da zu sehen ist. Die Versuchsschule hatte sich früh und radikal für die gemeinsame Unterrichtung von Jungen und Mädchen entschieden, war vom üblichen Lehrplan befreit und gestand Eltern, was neu war, weitreichende Mitspracherechte zu. Sie war eine der ersten Ganztagsschulen, wo Kinder nicht nur lernten, sondern zum Beispiel auch ein Mittagessen bekamen. Im Lehrerzimmer, im Nähsaal und im Werkraum, so notierte es der Chronist, saß man "an weiß gedeckten, mit Tannengrün geschmückten Tischen, wo aus Schüsseln, wie sie früher beim Militär üblich waren", gegessen wurde. Die belesene "Gruppe Müller" hatte sogar drei eigene Bibliotheken zusammengetragen – eine für die Schüler, eine für die Lehrer, eine für die Eltern.

Die Chemnitzer Humboldtversuchsschule war Teil einer Bewegung, die sich der Demokratisierung des Schulwesens verschrieben hatte – was sie erreichte, wurde spätestens von den Nazis zunichte gemacht, die die Schule liquidierten und Müllers Archiv beschlagnahmten. Sie wurde 1921 auf dem Sonnenberg in Chemnitz eingerichtet, verabschiedete sich vom Religionsunterricht und unterrichtete mehrere Jahrgänge in gemeinsamen Klassen. Achtzig Prozent ihrer Schüler waren damals Arbeiterkinder aus den umliegenden Vierteln, darunter viele so genannte Problemkinder. Der frühere Aufbau-Verleger Walter Janka erzählt in seiner Autobiografie (1991 bei Rowohlt Berlin erschienen) von seinen Lehrern, unter ihnen Fritz Müller, und den erstaunlichen Leistungen, zu denen er seine Schüler zu führen verstand. Janka war auf diese Schule gegeben worden, weil sie die Prügelstrafe ablehnte. Er beschreibt sie begeistert als einen Ort mit großen Freiräumen und aufregenden Schulstunden. Geradezu besessen sei er vom Mathematikund Geometrieunterricht gewesen. Mit seinem schönen selbstgefertigten Mathebuch und seinen gebundenen Schulaufsätzen, alles Handarbeit, bewarb sich Janka 1928, zur Zeit der schlimmsten Arbeitslosigkeit, bei einem Buchdrucker. Mit Erfolg, wie Janka schreibt. Der Meister wollte nicht einmal die Schulzeugnisse sehen. Er habe nur gefragt: "Hast du die Bücher allein geschrieben?" Fritz Müllers umstrittenstes Experiment war die, wie er das selbst nannte, Erziehung zur Harmlosigkeit, was soviel heißen sollte: Nur nackt ist der Mensch ganz bei sich selbst. In der Ausstellung fällt sofort das Klassenbuch eines elfjährigen Jungen ins Auge, der auf einer Doppelseite, die akkurat mit jugendstiligen Girlanden ummalt ist, dokumentiert, was Körperbewusstsein und Natürlichkeit in der Schule bedeuteten. Rechts sind – in schönen Druckbuchstaben geschrieben – die ersten Zeilen eines Liedes zu lesen, das heute wohl nur noch auf SPD-Parteitagen gesungen wird: "Wann wir schreiten Seit an Seit und die alten Lieder singen und die Wälder widerklingen, fühlen wir, es muß gelingen: Mit uns zieht die neue Zeit!" Zu dieser neueren Zeit gehört das ummalte, sonderbare Foto links daneben: Ein nur mit einem Lendenschurz aus Fell bekleideter Mann, dem zwei holde Knaben, die Schüler, ebenfalls ganz und gar nackt, aufmerksam zuhören. Den heutigen, politisch korrekt erzogenen Betrachter verwirrt dergleichen Unbekümmertheit vermutlich.

Für die "Gruppe Müller" aber verband sich damit das Ideal "vertiefter Leibespflege" und die "Pflege eines natürlichen Körpergefühls". Die Kinder sollten befreit werden von "unreinen Vorstellungen und Gedanken der meisten Erwachsenen" und lernen, sich "natürlich und mit Freude zu bewegen und betrachten". Eine auch in den zwanziger Jahren reichlich kühne These. Um sie zu untermauern, ließ Lehrer Müller im Schulbrausbad gemeinsam nackt baden, der Morgen begann mit "Nacktturnen im Schulzimmer" (Mädchen und Jungen). Solange, bis Eltern doch protestierten und dies verboten wurde.

Die Freiheit selbstbestimmten Lernens, mit zwar streng formulierten Aufgaben, die nicht nur das Lesen von guten Büchern, sondern auch naturwissenschaftliches und mathematisches Wissen förderten, ist auf vielen Fotos dokumentiert. Nie ist eine Klasse zu sehen, vor der ein Lehrer steht und erklärt, immer sitzen 33 und mehr Schüler in kleinen Gruppen an großen, im Raum verteilten Tischen, intensiv über ihre Arbeiten gebeugt. Der Lehrer mittendrin, der, wie es der Bildtext verrät, jede Gruppe an einer eigenen Aufgabe arbeiten lässt, deren Ergebnis zum Schluss erst gemeinsam besprochen wird. Das sind Methoden, die aus der Mode gekommen sind, und sei es nur mit Verweis auf von "Problemkindern" überforderte Lehrer.

Regina Mönch in der FAZ v. 8.2.2001