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Die Greilsche Schulreform in Thüringen


Einheitsschule - Biographisches zu Max Greil - Was wollte Max Greil? - die politische Situation in Thüringen um 1920


Welche Ziele hatte Max Greil?


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Auf dem Mannheimer Parteitag der SPD von 1906 wurden von Clara Zetkin und Heinrich Schulz Leitsätze zur 'Volkserziehung und Sozialdemokratie' vorgeschlagen und angenommen. Die SPD trat u.a. "für die materielle und soziale Besserstellung der Lehrer der Volksschulen ein" (S. 187) und für ihre Universitätsausbildung. In den Thüringer Kleinstaaten standen die Volksschullehrer in der Gehaltstabelle in Deutschland an letzter Stelle.

Max Greil besuchte das Lehrerseminar in Schleiz. Dieses hatte den Ruf, das 'rückständigste Volksschullehrerseminar und eine Hochburg protestantischer Orthodoxie' zu sein. (Vgl. S. 188)."Zumeist waren die Seminarlehrer ausgebildete Theologen, welche die Seminaristen hauptsächlich als zukünftige Kantoren, Küster und Organisten sahen." (S. 188) Anschließend unterrichtete Max Greil in Triebes (1898-1907). Dort lernte er "die geistliche Schulaufsicht und das autoritäre Regime des Rektors" (S. 188) aus nächster Nähe kennen.

Von 1907 bis 1919 war er an der Lutherschule in Gera tätig und bekam Kontakt zum Geraer Lehrerverein. Er kämpfte gegen die Missstände im Schulwesen: Gegen die Geistlichkeit in den Schulvorständen: um die Beseitigung der privilegierten Mittelschulen, um die Aufhebung der Vorschulen. (Vgl. S. 188) Gleich zu Beginn der Novemberrevolution 1918 wurde in Gera ein ambitioniertes Schulprogramm an die Öffentlichkeit:
  1. "Im deutschen Volksstaate einheitlicher Aufbau des Erziehungswesens vom Kindergarten bis zur Hochschule nach den Grundsätzen der Einheitsschule. Reichsschulgesetz.
  2. Trennung von Kirche und Schule. Daher Beseitigung jeder Art von Bevormundung und Beaufsichtigung der Schule durch die Kirche. Für den Lehrer Aufhabung des Zwanges zur Erteilung des Religionsuterrichts. Für die Kinder, deren Eltern es wünschen, Aufhabung des Zwanges zur Teilnahme am Religionsunterrichts. Uneingeschränktes Recht des Lehrers auf freie politische Meinungsäußerung und politische Betätigung.
  3. Teilnahme des Lehrers an der gesamten Schulverwaltung. Also Mitbeteiligung der Lehrerschaft durch selbst gewählte Vertreter mit beschließender Stimme in der Schulverwaltung.
  4. Schutz der Lehrerschaft vor Willkür der Schulaufsichtsbeamten ...
  5. Beseitigung der Geheimakten, der Laien- und Rektorenaufsicht. (S.188f)

Max Greil wurde Vorsitzender des Lehrerrates und als Mitglied der USPD Gemeinderat von Gera. 1919 wurde er im Gebiet Gera Bezirksschulrat.

Er setzte sich für Einschränkung den Unterricht in den alten Sprachen aus. Er wollte die deutschkundlichen, die naturwissenschaftlichen Fächer und die modernen Fremdsprachen fördern. Er plante eine sechsjährige Grundschule für alle Kinder und einen stufenförmigen Aufbau des Schulsystems. In Bezug auf den Religionsunterricht verfocht er das Schulprogramm des Deutschen Lehrervereins von 1919. Der Gemeinderat sprach sich mehrheitlich für die Entwicklung des Schulwesens mit den Zielen: Weltlichkeit, Unentgeltlichkeit und Einheit aus. Für Kinder, die weder am Religionsunterricht noch am kirchlichen Konfirmationsunterricht teilnahmen sollte es eine öffentliche Schulentlassungsfeier geben. (Vgl. S. 190)

Bürgerliche Parteien deuteten dies als 'Entchristlichung' der Schule. (Vgl. S. 190)

Max Greil unterstützte die 1920 gegründete Heimvolkshochschule Tinz. Diese arbeitet ausschließlich für die Bildungsarbeit der Sozialisten. (Vgl. S. 190) Er förderte den Aufbau des Berufschulwesens, das Bauhaus in Weimar und die Bestrebungen von Walter Gropius neue Wege zum Hochschulstudium zu erschließen, die Geraer Gemeinschaftsschule und die Versuchsschule Sundhausen bei Gotha. (S. 194f)

Als Minister für Volksbildung berief er ausgewiesene Demokraten uns Sozialisten in sein Ministerium. Positionen in der Schulaufsicht besetzte er mit Mitgliedern des Bundes entschiedener Schulreformer und der freien Lehrergewerkschaft.

Bemerkenswert waren auch seine Berufungen von Reformpädagogen an die Universität von Jena:

1923 berief er Mathilde Vaerting (1884-1977) zur ordentlichen Professorin für Pädagogik an die Universität in Jena. Sie war die zweite Frau, die einen Lehrstuhl erhielt. Sie hatte 1913 eine Arbeit unter dem Titel "Die Vernichtung der Intelligenz durch Gedächtnisarbeit" veröffentlicht, in der sie der Schule vorwarf, die Produktivität und die Selbständigkeit der Schüler durch den hohen Anteil an Auswendiglernen behindere. Sie wurde 1933 von den Nationalsozialisten entlassen, erhielt ein Publikationsverbot. Berufungen nach Holland und in die USA wurden ihr durch ein Ausreiseverbot untersagt.

Im gleichen Jahr berief Max Greil Peter Peterson ebenfalls nach Jena als Nachfolger auf den Lehrstuhl von Wilhelm Rein (1847-1927). Peter Petersen entwickelte an der Jenaer Universitätsschule das Jenaplan-Schulmodell, das er auf der Konferenz des WEF in Locarno (1927) vorstellte.

1923 berief Max Greil die Reformpädagogin Anna Siemsen (1882-1951) als Oberschulrätin und Honorarprofessorin nach Jena. Ihr Hauptwerk: "Die gesellschaftlichen Grundlagen der Erziehung" entstand ab 1934 im Exil in der Schweiz.

Nach den Wahlen 1924 machte eine bürgerliche Regierung alle Gesetze rückgängig, nur die Trennung von Staat und Kirche im Bereich der Schule blieb erhalten.

Paul Mitzenheim berichtet über weitere Vorhaben:

"Im Mittelpunkt der Überlegungen zur Weiterführung der begonnenen Schulreform standen zunächst folgende Problemkreise:
  • Ausbau des Berufsschulwesens
  • Erschließung neuer Wege zum Hochschulstudium
  • Schaffung einer Volksuniversität
  • demokratische Umerziehung der Lehrerschaft
  • Neugestaltung des Lehrinhalts für alle Unterrichtsfächer durch Herausgabe geeigneter Lehrpläne, Lehrbücher und anderer Lehrmittel für sämtliche Schulzweige und Schulstufen der Einheitsschule unter stärkerer Berücksichtigung der höheren Schulen" (Paul Mitzenheim (1966), S. 62)
Die Regierungsvorlage zur 'Verordnung über die Durchführung der Berufsschulpflicht' sah vor, dass 300 neue Lehrerstellen eingerichtet wurden. Sie scheiterte aber am Widerstand des sozialdemokratischen Wirt­schafts­ministeriums. Die Arbeiterparteien - so Paul Mitzenheim - "aber forderten einstimmig den raschen Ausbau der Berufsschule, weil sie in ihr nach der Volksschule den wichtigsten Schulzweig der Einheitsschule sahen." (Paul Mitzenheim (1966), S. 62)

Der Gesetzentwurf sah vor, dass das gesamte Fachschulwesen in die Berufsschulen eingegliedert werden sollte und schlug den Aufbau von Berufsmittel- und -oberschulen vor. So sollte auch ein regulärer Bildungsweg zur Hochschule geschaffen werden. Es sollte die Reife (das Fach-Abitur) für Technische, Handels-, Landwirt­schaftliche, Forst- und Wirtschaftshochschulen zuerkannt werden. Die Gesamtschulzeit hätte 13 Jahre betragen, die mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächer sollten deutlich stärker als die Fremdsprachen betont werden. Zur Erlangung des Voll-Abiturs waren Vorkurse und Sonderlehrgänge (Dauer 2 Jahre) geplant. "Ab Ostern 1924 sollten sich auf diese Weise etwa 30 Jugendliche auf die Reifeprüfung vorbereiten. Nicht nur die Schule, sondern auch Betriebsräte und Gewerkschaften sollten Vorschläge machen können, wer diese Ausbildung besuchen durfte. Ab Oktober 1923 gab es auch eine Möglichkeit, durch eine 'Art Sonderreifeprüfung' zum Hochschulstudium zugelassen zu werden. (Paul Mitzenheim (1966), S. 63)

Die Universität Jena sei eine 'reaktionäre Hochburg' gewesen. Man dachte daran, 'eingefleischte Reaktionäre' zu entfernen und durch demokratische Lehrkräfte zu ersetzen.

Die Einnahmen aus Unterrichtsgeldern der Universität [sollten, JG] wieder für Stipendien nutzbar" (Ebenda, S. 64) gemacht werden. Bis Ende 1923 konnte aber wegen der Inflation keine geordnete Regelung der Stipendien erfolgen." (Vgl. Ebenda)

Quellen:
  • Mitzenheim, Paul: Entschieden für eine neue Schule: Max Greil (1877-1939), in: Hrsg. Mario Hesselbarth, Eberhart Schulz, Manfred Weißbecker (2006): Gelebte Ideen – Sozialisten in Thüringen, Biographische Skizzen, Jena, S. 187-196
  • ders. (1966): Die Greilsche Schulreform in Thüringen, Jena