Kurt Schumann, sächsischer Heimatforscher und Reformpädagoge
von Andreas Pehnke


Schumann, Kurt [eigentlich Curt], * 20.11.1885 Dresden, † 12.2.1970 Korbach (bei Gießen)

    Vater Hugo Schumann (Jg. 1858), Schriftsetzer, Kassenbote, Buchdruckereibesitzer
    Mutter Hedwig, geb. Bock (1857-1917)
    Heirat am 31.8.1914 in Leipzig mit Martha, geb. Schnabel (1888-1968)
    Sohn Karl (1919-1944); Karsten (Jg. 1923)

Von 1892 bis 1896 besuchte S. die 18. Bezirksschule seiner Geburtsstadt, anschließend die Ehrlichsche Gestiftschule. Sodann nahm er den für Arbeiter- und Handwerkssöhne naheliegenden Weg des Aufstiegs: Schulerfolg, Lehrerseminar, Lehrer. So absolvierte er 1901-1907 das Freiherrlich von Fletchersche Lehrerseminar in Dresden.

Erste pädagogische Praxiserfahrungen sammelte er bis 1910 in Freiberg, bevor er für drei Jahre in den Dresdner Schuldienst eintreten konnte.

Der stets an Sprachen außerordentlich interessierte S. bestritt seit 1908 mehrere Auslandsreisen, u.a. wiederholt nach Frankreich und Großbritannien, in die Schweiz und nach Algerien. Nachdem er im Februar 1913 die Reifeprüfung in Zittau extern abgelegt hatte, begann er sogleich im Sommersemester das Studium der Fächer Deutsch, Erdkunde, Französisch, Englisch und Pädagogik an der altehrwürdigen Alma mater Lipsiensis. Nach nur fünf Semestern meldete er sich zur Prüfung für das Höhere Lehramt an und bestand sie nach weiteren zwei Semestern 1916. Sein Staatsexamen schloss er mit summa cum laude ab.

Seinem Universitätsabschluss ließ Schumann eine Promotion folgen: Bei Eduard Spranger (1882-1963) promovierte er 1917 mit einer Arbeit über die pädagogischen Auffassungen des englischen Grafen Chesterfield (1694-1773).

Seit 1916 lehrte S. am König-Georg-Gymnasium in Dresden-Johannstadt, 1918 wechselte er an das Wettiner Gymnasium zu Dresden. In der Anfangsphase der Weimarer Republik (bis Ende 1923) förderte Schumann die bemerkenswerten sächsischen Schulreformbestrebungen zum einen als bildungspolitischer Experte der SPD in der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Lehrer(innen), zum anderen als engagiertes Mitglied im Landesverband Sachsen des Bundes Entschiedener Schulreformer.

Zugleich avancierte er seit 1919 zum Mitbegründer der Volkshochschule Dresden und seit 1921 der Dürerversuchsschule, die schließlich 1922 als einzige höhere Versuchsschule in Sachsen ihre reformpädagogische Arbeit aufnahm und an die S. 1925 als Versuchsschullehrer wechselte. In enger Kooperation mit der Hamburger Lichtwarkschule wurde die Dürerversuchsschule vor allem durch ihr nationales (seit 1923) und internationales (seit 1929) Schüleraustauschprogramm überregional geachtet.

Das prinzipielle Bekenntnis der SPD zur Wehrmacht, wie es 1928 in der Diskussion um den Panzerkreuzerbau und in den „Richtlinien zur Wehrpolitik“ zum Ausdruck kam, führte für den bekennenden Pazifisten S. zu einer Suche nach einer politisch alternativen Heimat, die er national in der Deutschen Friedensgesellschaft und international in der League of Nations Union, der World Brotherhood Federation sowie der Holiday Fellowship fand. Folgerichtig stieß S. auch zum 1921 begründeten Weltbund für Erneuerung der Erziehung (New Education Fellowship). Auf der Weltbundkonferenz 1929 im dänischen Helsingör zählte S. zu jenen deutschen Teilnehmern, die einen Ausschuss gebildet hatten, der die formelle Gründung einer deutschen Sektion der New Education Fellowship betrieb.

Im Zusammenhang mit dem internationalen Klassenaustauschprogramm der Dürerschule im Allgemeinen und dem dabei auch öffentlich sichtbar werdenden friedenspädagogischen Engagements ihres Schulleiters S. im Besonderen entfachten deutschnationale und christliche Kreise seit 1930 eine massive Hetzkampagne gegen diese Schule und verlangten - bis in den Sächsischen Landtag hinein - für S. die „sofortige Entfernung aus dem Lehramt, und zwar unter Einziehung der Pension“ [Die christliche Schule 7(1930)6]. Es blieb dem „Beauftragten des Reichskommissars für das Volksbildungsministerium“ Wilhelm Hartnacke 1933 vorbehalten, S. aus dem Schuldienst zunächst zu entfernen und für ihn 1934 eine Zwangsversetzung nach Zschopau anzuordnen, sowie die Dürerversuchsschule in eine Normalschule zu überführen. Seine Lehrertätigkeit von 1934-45 an der Oberschule Zschopau belegt, dass ein Festhalten an humanistischen Elementen der Reformpädagogik auch in der Nazi-Ära begrenzt möglich war.

Nach dem Ende der Nazi-Herrschaft wurde S. zum Dezernenten für städtische Schulangelegenheiten bei der Kommandantur Zschopau und zum Leiter der Oberschule Zschopau als Oberstudiendirektor ernannt. In aufopferungsvoller Weise engagierte er sich als Wegbereiter für eine demokratische Schule dafür, dass seine Oberschule nach dem Vorbild der einstigen Dresdner Dürerschule den Status einer Versuchsschule erhält.

Diese zunächst hoffnungsvollen Initiativen sollten nach nur kurzer Renaissance reformpädagogischen Gedankengutes im Osten Deutschlands nach der staatlich verordneten Abkehr von Reformpädagogik seit 1948 zugunsten stalinistisch eingefärbter didaktischer Prinzipien nach sowjetischem Vorbild scheitern.

Hemmungslos ehrlich setzte sich Schumann stets für fachliche und pädagogische Kompetenz ein; ideologische Propaganda, zumal in parteipolitischer Verengung, war ihm dafür niemals Ersatz. Mit seiner Abneigung gegenüber Beamtenborniertheit, fachlicher Inkompetenz und Machtarroganz zog er nicht selten den Zorn von Funktionären auf sich. Folgerichtig schied er vor dem Hintergrund der zunehmenden parteipolitischen Ausrichtung der ostdeutschen Schullandschaft 1950 aus dem Direktorenamt aus. 1954 wurde der von den Hardlinern verdammte und den unbeugsamen Diktaturkritikern verehrte S. wieder aus dem Schuldienst entfernt.

Die doppelte Relegierung und Ausgrenzung durch zwei Diktaturen macht die Biografie S., der sich stets für Humanität und Freiheit eingesetzt hat, zu einem eindrucksvollen Beispiel für ein Leben im Widerstand gegen Ideologie und Unrecht.

Aber selbst die Nazis oder die SED-Apparatschiks, die ihn aus allen Berufsfeldern zu entfernen suchten, konnten auf seine Fachkompetenz als Heimatforscher und Geograph, dessen Herz vor allem für die heimischen sächsischen Gebirge schlug, nicht verzichten. So erlebte das Wanderheft „Rund um die Augustusburg“ des politisch ausgegrenzten Pädagogen S. seit 1952 drei umfangreiche Auflagen und sein Aufsatz über das mittlere Erzgebirge in den Sächsischen Heimatblättern fand 1961 in Expertenkreisen eine ganz beachtliche Resonanz. Die für die geographische Forschung wichtigste Arbeit S., die Erläuterungen zum Messtischblatt Zschopau und Umgebung aus dem Jahre 1956, erschien erst 1977 in dem Standardwerk „Das Mittlere Zschopaugebiet“.

Die im Juni 1970 durch den Cheflektor des Leipziger Brockhaus Verlages an S. gerichtete Bitte, für die Reihe der Brockhaus-Reisebücherei den geplanten Band „Erzgebirge - Vogtland“ zu verfassen, kam zu spät, denn S. war vier Monate zuvor, nachdem er 1968 zu seinem Sohn nach Hessen umgesiedelt war, verstorben. Mit ihm starb ein aufrechter Demokrat und konsequenter Gegner totalitärer Systeme.

Sein Leben war ein charakteristisches Beispiel für die bewundernswerte Mischung aus Zivilcourage und Intelligenz: niemals die Diktaturen hinzunehmen und stets bis hart an die Grenzen ihrer Toleranz zu gehen.



Quellen

    Sächsisches Hauptstaatsarchiv Dresden, Ministerium für Volksbildung, Nr. 12881/240 bis 245; Stadtarchiv Dresden, Schulamt, Dürerschule, 9.3.76, Nr. 1 bis 10; Sächsisches Staatsarchiv Chemnitz, Kreistag & Kreisrat Flöha, 30405, Nr. 410, 437, 440, 948, 951, 955, 1018, 1024, 1025, 1028, 1029, 1034, 1040; Kreisarchiv Marienberg, PA Kurt Schumann.
Werke

    Die pädagogischen Ansichten des Grafen Chesterfield, Langensalza 1917; Mitarbeit „Sächsische Wanderbücher“, Bd. 2, 5 und 6, Dresden 1922, 1923 und 1935. - Aufsätze in den „Mitteilungen des Landesvereins Sächsischer Heimatschutz, Bd. XI, Heft 7/9-1922, Bd. XII, Heft 1/3-1923, Bd. XIII, Heft 7/8-1924 & Heft 11/12, Bd. XX, Heft 1/2-1931; Rund um die Augustusburg [Unser Kleines Wanderheft, Nr. 5], Dresden 1952; Das mittlere Erzgebirge - ein vergessenes Wandergebiet, in: Sächsische Heimatblätter 7(1961)5, S. 263-270; Das Mittlere Zschopaugebiet, Ergebnisse der heimatkundlichen Bestandsaufnahme in den Gebieten Flöha, Augustusburg und Zschopau [Werte unserer Heimat: Heimatkundliche Bestandsaufnahme in der DDR, hg. von der Akademie der Wissenschaften der DDR, Bd. 28], Berlin 1977.
Literatur

    Die Dürerschule, staatliche höhere Versuchsschule Dresden, Bericht 1926 & 1929, hg. von der Lehrerschaft, Dresden 1926 & 1929; Auch in der Fremde daheim, Ein Buch vom Austausch der Dürerschule zu Dresden, hg. von der Lehrerschaft, Leipzig 1927; B. Poste, Schulreform in Sachsen, Eine vergessene Tradition deutscher Schulgeschichte, Frankfurt am Main [u.a.] 1993; A. Pehnke, „Ich gehöre auf die Zonengrenze!“, Der sächsische Reformpädagoge und Heimatforscher Kurt Schumann, Beucha 2004.