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Hermann Lietz

Zitat Hermann Lietz: "Aus Werdendem ist viel mehr zu lernen als aus Vollendetem."

Hermann Lietz (1868 - 1919) ist am 28. 4. 1868 in Dumgenevitz auf Rügen geboren. Er ist das achte von neun Kindern. Die ersten 10 Jahre lebt er auf dem elterlichen Bauernhof. Seine Schwester unterrichtete ihn.

1878 kommt er auf das Gymnasium in Greifswald und Stralsund. Den Übergang erlebt er als katstrophalen Bruch mit seinem bisherigen Leben. (Vgl. W. Keim, U. Schwerdt (2013): Schule, in: dieselben: Handbuch der Reformpädagogik in Deutschland, FfM, S. 675)

Er studiert Theologie und Philosophie in Halle (ab 1888) und Jena (bis 1891/92), wird aber Lehrer und lernt sein pädagogisches Handwerk an der Universitäts-Übungsschule in Jena (Wilhelm Rein). Hier "verspürte ich ganz das packende des Erzieherberufes, dessen Bedingung und Erprobung". Er promoviert bei dem späteren Nobelpreisträger Rudolf Eucken: Lietz, H.: 'Die Probleme im Begriff der Gesellschaft bei Auguste Cote im Gesamtzusammenhang seines Systems, Jena, 1891.

Sein p&aum;dagogisches Praxisjahr absolviert er auf eigenen Wunsch in Putbus auf Rügen und erhält schließlich die Berechtigung für den preußischen Schuldienst.

1893 ist er Praktikant an der Universitäts-Übungsschule in Jena, dann Oberlehrer an dieser Schule. Hier lernt er Cecil Reddie kennen. In dieser Zeit arbeitete er auch in der Nähe von Jena in der 'Sophienhöhe', einem 1890 gegründeten Heim für erziehungsschwierige Kinder. (Vgl. Keim, W.; Schwerdt, U. (2013): Schule, in: dieselben: Handbuch der Reformpädagogik in Deutschland, FfM, S. 675)

1895/6 arbeitet er in Kötschenbroda bei Dresden, einer Privatschlule, einem Progymnasium mit angeschlossenem Internat als Schulleiter. Dort gefällt ihm der Umgang und das Zusammenleben mit den Schülern. Es gibt aber ein Konflikt mit dem Inhaber der Schule, der nicht die gesetzlichen Voraussetzungen zur Leitung seiner Schule hat. Er stellt Lietz als Leiter der 'Sammelschule für gebildete Stände' ein, ohne Lietz davon zu unterrichten. Dieser kehrt daraufhin nach Jena zurück. (Vgl. Koerrenz, Ralf: Hermann Lietz, Biographie, Frankfurt/M. 1989. S. 40ff)

Im Sommer 1896 geht er nach England zu Cecil Reddie. Er lebt ein Jahr als Lehrer in Abbotsholme. Es ist der entscheidende Antrieb zur Verwirklichung seines Vorhabens, eine eigene Schule zu gründen.

1897 zurück in Deutschland schreibt er ein Buch über diese Zeit: 'Ein Tag im neuen Schulstaat Emlohstobba. Mit 22 Tafeln in Autotypie und einem 'Vorwort als Nachwort' von Cecil Reddie, Berlin, 1897', Berlin

1898 gründet er das Landerziehungsheim - an seinem Geburtstag (Koerrenz, S. 57): Ilsenburg: LEH Pulvermühle (1898). Hermann Lietz übernimmt die vom 'Privatschul-Verein Ilsenburg' ausgeschriebene Schulleiterstelle für ein Gymnasium in Ilsenburg und gründet daneben seine eigene Schule. (Vgl. Oelkers, Jürgen (2011): Eros und Herrschaft, Weinheim, Basel, S. 93)

1900 eröffnet Bertha Petersenn mit der Hilfe von Hermann Lietz ein Landerziehungsheim für Mädchen in Berlin-Lichterfelde (Wannsee). Das LEH zieht 1904 nach Gaienhofen an den Bodensee um.

Es folgen wenig später Haubinda bei Hildburghausen in Thüringen (1901) und Bieberstein (1904) in der Röhn und schließlich das Landwaisenheim Veckenstedt (1914) unter Leitung von Theodor Zollmann (bis 1935) - heute das Landschulheim Grovesmühle.

Die Heime beherbergen die verschiedenen Altersstufen: Ilsenburg die Unter-, Haubinda die Mittel- und Bieberstein die Oberstufe. Von 1901 bis 1920 waren 120 Schüler in Haubinda registriert.

1903 kommt es im LEH Haubinda zum 'Judenkrach'. Der Lehrer Dr. Theodor Lessing und ein Großteil der jüdischen Schüler verlassen das LEH. Lietz selbst schreibt in seinen Lebenserinnerungen, der 'Geist der Harmonie' in Haubinda sei gestört worden, ein Lehrer und ein Großteil der jüdischen Schülerschaft habe 'meist wenig Lust und noch geringere Fähigkeit für praktische Arbeit' gehabt. Diese sei jedoch ein Grundgedanke der LEH.(Vgl. Koerrenz, S. 66f)

Anlaß war wohl der Streit um die Zeitschrift 'Hammer' - einer antisemitischen Zeitung, die in der Schule auslag. Lessing und auch jüdische Schüler hatten gefordert, das völkische Hetzblatt: 'Der Hammer' nicht weiter zu abonnieren. In der Schülerzeigung 'Haubinda' erscheinen kritische Artikel, über Lietz und seinen autokratischen Führungsstil. Es scheint eine heftige Auseinandersetzung zwischen Lessing und Lietz gegeben zu haben, die unmittelbar zur Entlassung Lessings führte. Es gab als Reaktion von Lietz eine Aufnahmebeschränkung für jüdische Schüler: "in kleiner Zahl Ausländer und in kleiner Zahl Israeliten" (Lietz Hermann: Vom Leben und Arbeit eines deutschen Erziehers, Veckenstedt am Harz, 1920, S. 187; vgl. Meisner, Erich: Asketische Erziehung. Hermann Lietz und seine Pädagogik, Weinheim 1965, S. 66ff, auch Kutzer, Elisabeth: Lietz und die Jungen. In: Leben und Arbeit, April 1968, S. 7-28).

1906 verpachtete Lietz Haubinda an Dr. Marseille. Es kommt zur Trennung von Dr. Gustav Wynneken, Paul Geheeb und Martin Luserke. (Vgl. Koerrenz, aaO, S. 72). Sie verlassen Haubinda wenig später um eigene Schulen zu gründen.

1908 brennt Schloß Biberstein fast ganz nieder. Das führt zur Vernichtung vieler Akten.

1910 kommt Dr. Alfred Andreesen ins LEH Ilsenburg und wird ein enger Mitarbeiter von Lietz.

1911 heiratet Lietz die Tochter von Bertha Petersenn. Es werden drei Kinder geboren: Jutta, Hermann und (?). Julia Petersenn war im Landerziehungsheim Gaienhofen zur Schule gegangen. Sie war ausgebildete Lehrerin und leitete in den Anfangsjahren das Landerziehungsheim Gebensee (war vorher LEH Ilsenburg und wurde 1923 nach Gebensee bei Erfurt verlegt.)

Sein 'Schulstaat' hat keine Anbindung an die libertären Entwürfe von Neill und Russell. Skiera sieht ihn klar nationalistisch geprägt: Seine Schulgemeinschaft steht - im Geiste der Zeit - auch militärischen Aspekten offen. 'Exerzieren' hatte seinen festen Platz im Stundenplan. (Vgl. Skiera, S. 176) Skiera bezieht sich auf Lietz, doch findet sich am aaO. kein Hinweis für diese Darstellung.

Koerrenz gibt zu bedenken, daß sich Hermann Lietz 1893 deutlich gegen Krieg engagiert hat und sieht daher eine 'unaufhebbare Spannung' zu dem Patriotismus, mit dem Lietz in den 1. Weltkrieg zog. (Vgl. Koerrenz, S. 74) Koerrenz sieht bei Hermann Lietz ehr die Vision, daß "der Krieg in seiner Reinigungsfunktion eine positive Seite haben kann. Das Leiden des Krieges kann Grundlage für eine Neugeburt des Volkes sein. Nach dem man vor dem Krieg auf einen Abgrund zuging, kann der Krieg zu einem Wendepunkt werden. (Vgl. Lietz, H.: Der Deutsche nach dem Kriege, Veckenstedt, 1918, S. 25) Zu der 'neuen Zeit', die schon vor dem Kriege in ersten Ansätzen zu sehen war, zählte Hermann Lietz die Abstinenzbewegung, Reformversuche in Erziehung und Lebensweise, Wandervogel und Bodenbesitzreform. (Vgl. Lietz, ebenda, S. 28) und auch Koerrenz, S. 77)

Röhrs (Die Reformpädagogik - Ursprung und Verlauf, Hannover, 1994) und Skiera (2003) bescheinigen Lietz eine "langdauernde antijüdische Einstellung" (Skiera, S. 176). Selbst nach seinen Erfahrungen im ersten Weltkrieg spricht Lietz von der 'jüdischen Gefahr' und von der 'Reinhaltung der Rasse'. [Lietz ist kein Einzelfall: In Berlin kann Kurt Löwenstein nicht zum Oberstadtschulrat ernannt werden, weil eine Schmutzkampagne christlicher Elternbünde und bürgerliche Rechtsparteien ihm 1921 (!) vorwerfen, er sei als Jude für dieses Amt nicht tragbar. (Radde, G. 1992)]

Röhrs (Reformpädagogik und Innere Bildungsreform, Weinheim, 1998) urteilt kritisch über Lietz:
    "Der Einbezug militärischen Exerzierens ist eine Form, die zwar vielfältig vorgeprägt ist, aber dennoch der äußerst kritischen Analyse bedarf. Es ist das polarisierende Begriffspaar Reddies 'Diszipline and Love', das den preußisch gesinnten Pädagogen Lietz zum Einbezug formaler soldatischer Übungen in den Erziehungsraum bestärkte; von Alfred Andreesen wurde dieser Stil bewußt übernommen und weiterentwickelt
    [...] [Der Judenkrach in Haubinda und die Einstellungen von H. Lietz] ... ist ein Makel, der auch nicht durch die persönlichen Freundschaften Lietzens mit Juden aufgehoben wird." (Röhrs, 1998, S. 53)

Zu anderen Auffassungen kommen dagegen Elisabeth Kutzer: 'Lietz kann nicht als Antisemit eingeordnet werden und war auch nicht anfällig für den Antisemitismus auf Grund seines starken Humanitätsgefühls.' (Vgl. Koerrenz, S. 21f) und Koerrenz: "Lietz ist also offensichtlich kein Rassist, wertet er das Ideal der Humanität höher als das der Rasse, Nation oder Konfession." (Koerrenz, S. 67), ebenso Wynneken als Zeitzeuge (Koerrenz, S. 69) und Meisner: "Ich selber habe niemals von Lietz eine judenfeindliche Bemerkung vernommen."(Meissner, Erich: Asketische Erziehung. Hermann Lietz und seine Pädagogik. Ein Versuch einer kritischen Überprüfung, Weinheim, 1965, S. 69).

Nocheinmal Röhrs (1998):
    "Ist dieses Pathos [von Andreesen] als ein taktisches Manöver zu werten, das den Heimen den Lebensraum sichern soll? Wohl kaum! Eher eine gefährlich leichtgläubige Einstellung auf dem Hintergrund einer stark nationalistisch geprägten Grundhaltung anzunehmen."

1919 stirbt Lietz an den Spätfolgen seiner Kriegsverletzung. (Vgl. W. Keim, U. Schwerdt (2013): Schule, in: dieselben: Handbuch der Reformpädagogik in Deutschland, FfM, S. 675) Er bestimmt A. Andreesen testamentarisch als Nachfolger. Die Landerziehungsheime bringt er ein eine Stiftung ein und vermacht sie dem deutschen Volk.

Literatur von und über Hermann Lietz als Internettexte

Bilder von Hermann Lietz

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